Presenters kicking off the 1st Semi-Final of the 2026 Eurovision Song Contest (Bild: Wikimedia Commons, Creative Commons Lizenz)
Schlager: Sie werden manchmal in die Kategorie „U-Musik“ geschoben, vielleicht auch belächelt… aber Schlager sind ein Ausdruck der Stimmung vieler Menschen; sie können ein Ventil sein.
In diesem Jahr scheint auffällig, dass sie einen Grundton der Melancholie und Trauer oder Sorge mittragen. Im 2. Halbfinale sind die Rhythmen geprägt von Heftigkeit, die Melodien von Melancholie und Bedrohung.
„More drama, more hairspray…“, der kleine Scherz der Moderatoren scheint zutreffend. Drama.
Kaum einer der Songs ist sanft oder entspannt. Freundlich oder tröstend. Auch eher scheinbar alltägliche Themen, wie der „Tanzschein“ von Cosmo kommen mit fast bedrohlichen Texten und Harmonien daher.
Oder Zyperns Beitrag, „Jalla“ in der Landessprache steht es für „Mehr“: Trotz sehr orientalischer, tanzfreudiger Rhythmen herrscht eine Stimmung von unterschwelliger Sorge, Sehnsucht und eben jenem Drama vor.
Es scheint, als würden die Sorgen der jüngeren Generationen ebenso wie jene der vorigen sich in den Songs niederschlagen:
Die Sorge um die Zukunft der Erde, Kriegsdrohung, anhaltende wirtschaftliche Probleme.
Wien beweist zugleich, wie sehr man in Österreich professionell und entspannt inszeniert. Jedes Genre.
„United by Music“ ist das Motto. Das ist sehr wahr. In jeder Weise.
(Bild freie Lizenz via ecosia.org, gefilterte Suche)
Österreich ist mehr als Sisi*, Donauwalzer oder Tafelspitz. Österreich und die Österreicher zu verstehen, kann von außen gesehen komplex sein. Denn Manches, das an der Oberfläche klar erscheint, ist bedeutend vielschichtiger, als es den Anschein hat.
Ich maße mir nicht an, das letzte Wort dazu sprechen zu können. Aktuelle politische Entwicklungen legen es mir dennoch nahe, eine Einschätzung zu versuchen.
Österreichs Geschichte wird entscheidend durch die Habsburger Monarchie geprägt. Als Deutsche möchte ich sorgfältig sein, denn spätestens seitdem nach dem ersten Weltkrieg die Monarchie zerfiel – genauso wie so viele andere – ist das Land überschaubar geworden. Das Verhältnis zu Deutschland eigen.
Es ist manchmal aus deutscher Sicht nicht sofort klar, was und warum an Österreich besonders anders ist, obwohl doch auch in den Alpen gelegen…auch Deutsch als gemeinsame Sprache nutzend…auch Gemeinsamkeiten vorhanden scheinen in mancher Art, das Leben und erst recht Arbeit zu betrachten.
Die Unterschiede werden deutlicher und dadurch manches Aktuelle etwas nachvollziehbarer, wenn man sich ansieht, wie Habsburgische Macht über Jahrhunderte ausgeübt und das Reich ausgedehnt wurde:
Durch Verhandlungen und Heiraten innerhalb der Fürstenhäuser.
Die Ausdehnung des Reiches war immens: Fast halb Europa gehörte dazu. Historische Landkarten können einen Eindruck davon vermitteln.
Unterschiedliche Völker und Stämme und Sprachen gehörten dazu.
Bis heute ist es selbstverständlich, dass es beispielsweise „echte Wiener“ fast nicht gibt: Erst die Mischung macht es. Das ineinander und miteinander Verschmelzen dieser Kulturen und Traditionen eines großen Reiches in ein weiteres Ganzes ist hier selbstverständlicher Teil der Geschichte.
Anpassung und Friedfertigkeit gehören dazu.
Wenn scharfe Töne notwendig werden, sind sie meistens in den Blumen der Worte verborgen.
Ausschreitungen und Gewalttätigkeiten sind hier selten, prozentual betrachtet.
Friedliches Miteinander und das Ausgleichen von Konflikten, eine grundlegende Form wahren und dabei eher indirekt zum Ziel gelangen, ohne Gräben zu öffnen, ist wesentlicher Bestandteil des So-Seins.
Auf diesem Hintergrund wird verständlicher, was von außen beinahe einen Aufschrei hervorruft, der hier vielfach nur Kopfschütteln zur Folge hat:
Die Regierungsbildung durch die FPÖ, und die Stellung des Kanzlers durch diese Partei.
Die Wählerstimmen sind nach wie vor gering verteilt, in diese Richtung. Mehrheitsregeln der Demokratie schreiben die Regierungsbildung noch vor.
In Österreich selbst ist Politik ähnlich wie Alltagsleben und Arbeitsleben von Friedfertigkeit und sanftmütigem, hinter-den-Kulissen-Lösen geprägt.
Eine Partei, wie die FPÖ wird in diesem Zusammenhang als eine mögliche Ausprägung betrachtet. Nicht als Nachfolge der NSDAP.
Man geht davon aus, dass es viel Gerede gibt in der Politik, aber wenig „so heiß gegessen wird, wie es gekocht wurde“.
Ein anderes verbreitetes Wort bringt es auch sehr schön zum Ausdruck: „Schau’n wir mal, dann sehen wir schon.“
Im Gegensatz zu Deutschland ist Österreich das Land der Kompromisse. Wo man in Deutschland schwarz-weiß sieht, heftig diskutiert und ausschließlich eine Lösung anerkennen will – oftmals – wird in Österreich in Ruhe vertagt, ein Kaffee getrunken, nochmal besprochen – und dann ein Kompromiss gefunden.
Das erklärt auch die Politik, zum Teil, denke ich.
An Österreicher möchte ich gerne vermitteln: Die FPÖ gilt als die direkte Nachfolge der Nationalsozialisten. Darum ist es so unverständlich, aus dem Ausland betrachtet, eingedenk der Gräueltaten der Zeit des zweiten Weltkrieges – es ist aus dem Ausland schwer nachzuvollziehen, wie es passieren kann, dass diese Partei nicht nur an der Regierung beteiligt wird – sondern tatsächlich den Kanzler stellt.
Österreich ist ein wunderschönes Land, mit vielen klugen und gebildeten Menschen, die mehrheitlich nicht die FPÖ gewählt haben.
Die Komplexität bleibt. Sie kann nicht aufgelöst, sondern zunächst verstanden werden. Die österreichische Politik wird Wege finden.
Mit einem Präsidenten wie Alexander Van der Bellen eine hoffnungsvolle Angelegenheit!