Verbundenheit: „Liebe als Überwindung des Abgetrenntseins“ – oder: ‚Soziale‘ Medien – oder: IN Sein?

A group of people smiling and joining hands standing in a circle, all colours, ages and gender.
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Das ‚Gefühl des Abgetrenntseins‘ ist uns als Menschen manchmal nicht bewusst. Es kann sehr stark werden, wenn wir dem Kindesalter entwachsen. Im Laufe der Jahre entwickeln wir ‚Strategien‘, die uns das Leben wieder erleichtern. Sich einer oder mehrer Gruppen zugehörig fühlen, etwa. Turnverein, Kegelclub, Tanzgruppe, Jazz-Band, Chor oder Surf-Club, oder…

Gleichgesinnte finden. Sich zugehörig fühlen. ‚Richtig sein‘. Es ‚richtig machen‘. Je nach Umfeld ist richtig dann oft auch unausgesprochen anders definiert.

Dazu können in den digitalen Zeiten eben auch ‚Social Media‘, ’soziale‘ Medien gehören. Sie werden als ’sozial‘ bezeichnet, weil sie soziale Kontakte ermöglichen sollen. Zumindest soweit die offizielle und ursprüngliche Idee.

Es gibt Vorläufer, wie Chats und Foren, in denen online diskutiert wurde. Und wird.

Aber was heute als ’social media‘ bezeichnet wird, ist dazu da, den Betreibern Geld zu verschaffen. Daten und Ideen oder auch Vorlieben und Eigenheiten werden verkauft, geradezu gehandelt, um sie für Marketingzwecke nutzbar zu machen.

In manchen Fällen wurden und werden die persönlichen Daten nicht ausreichend geschützt.

Soziale Medien müssen bewusst und klug genutzt werden. Medienkompetenz zu lehren, ist einmal mehr wichtig.

Aber noch wichtiger scheint mir auch dies: Wenn wir uns zu sehr bemühen, ‚IN‘ zu sein, dazu zu gehören, verpassen wir die Chance, wir selbst und ein wenig anders zu sein. Denn erst die Vielfalt der ‚Gewürze‘ macht ein Gericht aromatisch.

„Perspektiven…“ – Jonathan Swift: Die Reise nach Lilliput…


Swift gilt in der englischen Literatur als einer der führenden Köpfe und gehört zum Literaturkanon. Er hat als einer der ersten in der modernen Literatur eine gesellschaftskritische Satire geschrieben, die als ‚verkleideter Reisebericht‘ daher kommt… Dies ist ein Auszug aus dem Ersten Kapitel des ersten Teils, der Reise nach Lilliput:
(Quelle: Gutenberg Projekt, DE, Jonathan Swift, Reise nach Lilliput)

Etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden Personen oder Personenkreisen sind gewollt. (Perspektive ist entscheidend für Erkenntnis und Verständnis…)

„[Voraus geht ein Schiffbruch, den die Hauptfigur Lemuel Gulliver mit Mühe überlebt.] Ich legte mich auf das Gras, welches mir kurz und weich zu seyn schien und schlief dann fester, wie jemals in meinem Leben, so viel ich weiß, und wie ich glaube an die neun Stunden. Als ich erwachte, war der Tag angebrochen. Ich versuchte aufzustehn, konnte mich aber nicht bewegen; während ich auf dem Rücken lag, bemerkte ich, daß meine Arme und Beine fest gebunden an dem Boden hafteten. Dasselbe war mit meinen sehr langen und dicken Haaren der Fall. Auch fühlte ich mehrere kleine Binden am ganzen Leibe von den Schulterhöhlen bis zu den Schenkeln. Ich konnte nur aufwärts blicken; die Sonne ward heiß und ihr Licht blendete meine Augen. Ich vernahm ein verwirrtes Geräusch in meiner Nähe; in der Stellung jedoch, die ich einnahm, konnte ich nur den Himmel sehen. Mittlerweile fühlte ich, wie sich etwas auf meinem linken Schenkel bewegte; irgend ein Geschöpf rückte leise vorwärts, und kam über meine Brust bis fast an mein Kinn; ich erkannte in demselben eine Menschengestalt von etwa sechs Zoll Höhe, mit Bogen und Pfeilen in der Hand und mit einem Köcher auf dem Rücken. Zugleich fühlte ich, daß wenigstens noch vierzig derselben Menschengattung dem Ersteren folgten. Ich war äußerst erstaunt und brüllte so laut, daß sie sämmtlich erschrocken fortliefen; Einige, wie ich nachher hörte, beschädigten sich durch den Fall, als sie von meiner
Seite herabspringen wollten. Sie kamen aber bald wieder; Einer von ihnen wagte sich so weit, daß er vollkommen in mein Gesicht blicken konnte, erhob voll Bewunderung seine Hände und Augen und rief mit schallender und deutlicher Stimme: Hekinah Degul. Die Uebrigen wiederholten dieselben Worte mehrere Male; ich konnte damals aber den Sinn derselben noch nicht verstehen.

Der Leser wird wohl vermuthen, daß ich mich in keiner bequemen Lage befand; ich suchte los zu kommen und hatte zuletzt das Glück, die Stricke zu zerreissen oder die Pfähle abzubrechen, woran mein rechter Arm befestigt war. Als ich ihn nun zum Gesicht erhob, bemerkte ich die Art, wie man mich gebunden hatte. Durch einen heftigen Ruck, der mir viel Schmerz verursachte, machte ich die Bande, welche mein Haar auf der rechten Seite hielten, etwas lockerer, so daß ich im Stande war, meinen Kopf zwei Zoll umzuwenden; allein die Geschöpfe liefen noch einmal fort, ehe ich eines derselben ergreifen konnte, worauf ein sehr lauter Ruf von mehreren Stimmen entstand, der aber schnell wieder verhallte. Hierauf hörte ich, wie Einer Tolgo Phonac rief. Sogleich trafen mehr als hundert Pfeile meine linke Hand und prickelten mich wie Nadeln. Außerdem wurde eine andere Salve in die Luft, so wie wir die Bomben in Europa schleudern, geschossen. Ich glaube, eine Menge Pfeile fiel auf meinen Körper, ich habe sie aber nicht gefühlt. Einige richteten ihre Geschosse auf mein Gesicht, das ich sogleich mit der rechten Hand bedeckte. Als dieser Pfeilschauer vorüber war, begann ich aus Gram und wegen meiner Schmerzen zu seufzen; ich suchte mich wieder loszumachen, und erhielt noch eine zweite und größere Salve; Einige suchten mit Speeren in meine Seite zu stechen; zum Glück aber trug ich ein Wamms von Büffelleder, das sie nicht durchbohren konnten. Ich hielt es deßhalb für das Klügste regungslos liegen zu bleiben, bis die Nacht einbräche.

Da meine linke Hand bereits von den Banden gelöst war, konnte ich mich sehr leicht gänzlich befreien, und was die Einwohner betraf, so hegte ich die Ueberzeugung, ihrem größten Heere vollkommen gewachsen zu seyn, wenn alle Soldaten von derselben Größe wären, wie jenes Geschöpf, das ich gesehen. Allein das Glück hatte mir ein andres Loos beschieden. Als die Volksmasse meine Ruhe sah, gab sie mir keine weitere Salve von Pfeilen; aus dem Lärm, den ich vernahm, konnte ich jedoch den Schluß ziehen, daß ihre Anzahl sich vermehrte. Auch vernahm ich, wie man in Entfernung von vier Ellen, meinem rechten Ohre gegenüber, ungefähr eine Stunde lang in der Art polterte, wie es bei beschäftigten Arbeitern der Fall zu seyn pflegt. Deßhalb drehte ich den Kopf nach der Seite hin, so gut es die Stricke und Pfähle erlaubten, und erblickte ein ungefähr anderthalb Fuß hohes Gerüst, welches mit einer oder drei Leitern, um es zu besteigen, versehen, vier jener Eingebornen tragen konnte.“

Das Putenküken – oder: Wenn Beschwerden gesucht werden…

Wild turkey, male and female – Creative commons license

Es gibt eine Geschichte aus dem Tierreich, die auf das Leben der Menschen angewendet wird:
Putenküken werden von der Putenmutter aufgezogen und behütet durch das Piepsen und Jammern, das sie in regelmäßigen Abständen ausstoßen. Dadurch signalisieren sie ihr, dass sie zur Herde gehören – nicht etwa fremde Vögel sind.
Wenn ein Putenküken sich nicht beschwert, nicht piepst oder jammert, wird es von seiner eigenen Mutter durch Schnabelhiebe getötet.

Es soll dieses Verhalten unter Menschen auch geben: Wenn sich jemand nicht beschwert oder jammert, wird das als fremdartig empfunden – und in manchen Fällen sehr streng geahndet. Das kann Feindseligkeit sein, Absonderung – oder auch Ausstoß aus der Gemeinschaft…

Allerdings war ich immer der Überzeugung, dass Menschen zu mehr in der Lage sein sollten, als tierisches Verhalten zu imitieren…